zu Bücher, eine Auswahl — Gabriele Lenz und Erich Hubmann
15. April 2020, 11.11 Uhr
Die Schachtel von Hans Hollein zu seiner Personale in Mönchengladbach 1972 kannte ich gar nicht – sehr bemerkenswert! Dazu fiel mir sogleich ein u.a.: Er kannte natürlich damals die „Große Schachtel“ von Duchamp, die es auch in einer kleineren Variante gab/ gibt……… Spontan erinnerte es mich an die klassischen Fotopapier-Schachteln damals, in Format und Dicke, Machart…. Ganz typisch, wie er den geschlossenen, idealtypischen („banalen“) Behälter partiell verletzt, durchlöchert, erodiert, um so ein undurchschaubares, verlockendes Innenleben „mit Distanz und Hinhaltung“ nur so anzudeuten……… so wird „unscheinbares“ sofort „geheimnisvoll“, interessant……... Eines seiner Ur-Themen war immer die Penetration, die Erosion, das partielle Perforieren einer gegebenen Form/ Masse/ Gestalt, mit all den sofort aufschwingenden Konnotationen erotischer u/o existenzieller Spannungen……… ich schrieb einmal dazu u.a. er sei ein „Vergolder der Wunden…“………….. barocke Tradition.....
        Ebenso typisch aber in der Tiefe oft kaum verstanden: das fragile, gepresste Blatt ganz vorne in der Schachtel….. das VorsatzBLATT als echtes organisches Blatt in einer zivilisatorisch (die tausenden Blumen-Alben bürgerlicher Mädchenzimmer) umgeformten, konservierten Form, die zugleich die Vergeblichkeit alles Konservierens vorführt…………. das war eigentlich eine kaum je wirklich bemerkte Unterströmung in all seinen Arbeiten, vor allem der künstlerischen, und auch in seiner Person….. seine NISCHE z.B. im neueröffneten Architekturmuseum von Klotz in Frankfurt hatte die allerfeinste und unscheinbarste „Installation“ unter all den anderen großen Stars und grandiosen Kapazunder-NISCHEN……. der Boden war im Raster mit hellen Platten ausgelegt mit deutlichen Fugen – aus denen schon allerhand Gräser und Grünzeug heraussprossen….. und dazu sein Titel: DIE SANFTEN SIEGER……… (oder war es die STILLEN SIEGER, weiß ich nicht mehr exakt) – aber das war doch ein ganz tolles, berührendes, nachdenkliches Statement – diese Einsicht in Vergänglichkeit, in die Vanitas jeder human-kreativen Großartigkeit..... das endlose Eros (Erosion!) natürlicher und kosmischer Verläufe, Werden/ Vergehen/ Werden/ Vergehen… Ich schrieb einmal in etwa: „Hollein banalisiert das Sakrale – und auratisiert das Banale………“
Irma Boom kannte ich nicht – was für eine Entdeckung! Unglaubliche Kapazität! Ihr wart so fasziniert von der Machart des weißen „Blocks“ für Sheila Hicks…. wann ist das erschienen? Jedenfalls: 2008 war ich Co-Autor in dem SCHWARZEN BLOCK von Marte / Marte, den die mit Büro Gassner gestaltet haben, in zweijähriger Arbeit, mit Dutzenden Versuchen und auch Cover-Varianten, wo ich selbst auch Zeuge bei Zwischen-Präsentationen und -diskussionen sein konnte…… war eine tolle Erfahrung – und absolut stimmig…….!!!
Das große Buch über Lewerentz – habe ich auch gekauft vor vielen Jahren in Stockholm oder in New York, weiß ich nicht mehr….. ich hatte schon andere große Bücher, Publikationen über ihn, die bibliophil viel besser und adäquater den Zugang zu dieser sehr speziellen Persönlichkeit und ihrem Werk vermittelten…… u.a. das gleich hohe aber viel schmalere Buch von Janne Ahlin…….. so wie Erich musste ich aber auch dieses im Schleifpapier idiosynkratisch eingepanzerte Buch der AA habe, denn a) sind die Texte darin hervorragend, und b) hat es eben viele bestens gedruckte Fotos, die die anderen Bücher nicht hatten, manche Pläne….. Nach einigen Jahren WAGTE ich es dann, den grauenhaft kratzigen Umschlag runterzunehmen und regelrecht zu zerreissen, wegzuschmeissen, – jetzt steht der Band friedlich neben den anderen Büchern über ihn, über Asplund, Gezeelius, Markelius, die schedischen Arbeiten von Josef Frank, Peter Celsing uswusw…. ein eigener, wunderbarer Kosmos nordischer Kreativität, Sensibilität, Spiritualität….. vielleicht war es Absicht der AA-BuchmacherInnen, in der Aufmachung dieser Doku über Lewerentz fast auf die Spitze getrieben zu vermitteln: „Das ist eine völlig erratische Welt, etwas ganz Anderes und Fremdes, das sich dem glatten, problemlosen und komfortablen BEGREIFEN (mehrdeutig) komplett entzieht, fast störrisch agressiv entzieht….. es passt nirgends dazu, reibt sich sofort an der „normalen" Umgebung…. auch die innere Aufmachung mit den suggestiv großen Detailbildern, ganz „intim“ – und daneben den völlig labyrinthisch verwirbelten kleinen Total-Ansichten, die man kaum erkennen kann, sich mühsam optisch zusammensetzen muss, extrem anstrengend, mini-mini-kleine Grundrisse und Schnitte, nicht mehr lesbar, – im 1. Buchteil die Referenzabbildungen (mit Panaroaminhalten z.T.) noch kleiner als Briefmarken abgebildet – unlesbar, nebelhafte Miniaturen……..
        Wie auch immer – ich kann das nur in einer solchen Lesart „positiv" als Layoutabsicht nachvollziehen, aber es wird dieser faszinierend tiefgründigen, immer mit Natur und Landschaft und Geschichte einzigartig mitschwingenden Gestaltungskraft von Lewerentz letztlich überhaupt nicht gerecht, im Gegenteil, es stilisiert ein in seltener Kontemplationstiefe (– ein anderer Joze Plecnik…?) humanes, „rundes“ Oeuvre in pseudo-mystifizierende Kratzbürstigkeit……
        Aber!!: das Schleifpapier 150 – ist auch ein Synonym für diese Geduld und in diese in die Tiefe arbeitende, alle äußerliche Krusten wegschleifende, eliminierende Bewegung eines seinen eigenen, glasklaren Weges suchenden künstlerischen Verstandes…… hin zu den Essenzen……. Lewerentz steht in meiner Sicht nicht, wie gesagt wurde, für „Einsamkeit“ – sondern extrem für DICHTE (!!) in jedem Aspekt......... seine Zeichnungen – jede Ziegelmauer gestaltet, von Hand vorgezeichnet 1:20 nicht nur in den Ansichten sondern auch in den materiellen Querschnitten der Mauern….. mit diesen in speziell breiten Fugen „gewebten“ Ziegelmauern gelang ihm – mit dem allgemeinsten, banalsten, unprätentiösesten, zehntausenjahrealten Architektur-Stoff-Modul – eine sowohl archaische als auch absolut gegenwärtig frische Präsenz und gelöste, vibrierende „Ornamentik“ des Bauens zu erzielen, fast magisch, der ganz proletarische „Stein“ wird da fast surreal auratisch, ein rein optisch schlagartig berührender und zugleich sehr konkret „berührbarer“ Signfikant für „berührbaren“ Raum…… die Kirchen sind nicht hermetisch für mich, gar nicht…
        Zum Schluss: grandios folgende Episode, wie ein anderer spiritueller künstlerischer wunderbarer Einzelgänger der neueren Architektur diesen Schweden erlebte: 1980 besuchte ich mit Adi (Anm.: 
Adolf Krischanitz) den Dekan der Cooper Union School in New York, John Hejduk – wir brachten ihm frisch gedruckt das Heft von UMBAU 1 mit, wo wir einen Text über die New York Five und damit auch über ihn publiziert hatten – er freute sich sehr, führte uns durch die ganze Schule, zeigte uns die skurrilen Mini-Modell seiner Entwürfe, und wir hatten ein gutes Gespräch, in dessen Verlauf sagte er: „Ich war mit einem Stipendium einmal in Schweden, am Ende des Studiums – und dort sah ich einmal ein Baustelle, auf der ein Gentleman in schwarzem Anzug mit Hut bedächtig herumging und mit dem Schirmstock da und dort hinzeigte, wie die Maurer die Ziegel setzen sollten……“ Uns stockte der Atem – Hejduk war ein begnadeter „Erzähler“ – und erst viel später kam ich dahinter – das war Lewerentz, den er da sah!! – und auch er wusste damals noch nicht, wen er vor sich hatte….
Mies van der Rohe zum Ende: Baukunst beginnt dort, wo zwei Ziegelsteine SORGFÄLTIG aufeinandergesetzt werden…….“ 
Gilt entsprechend auch für die Buch-Kunst…
Alles Liebe, großes Kompliment für die Aktion, sehr herzlichen Dank!!
Otto Kapfinger

Foto: BKA / Georg Stefanik

Otto Kapfinger ist ein österreichischer Architekt, Kritiker, Ausstellungsmacher, Forscher und Publizist mit Fokus auf die gegenwärtige Baukunst in Österreich. 2019 promovierte er zum Ehrendoktor an der Technischen Universität Wien.
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